Die Abwesenheit der Objekte

Das Phänomen des „Zeigepointers“, der vor allem in österreichischen Printmedien zu finden ist, wird in Bezug auf die Abwesenheit der Objekte anhand dieses Bildes näher erläutert.

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Zu sehen ist ein Junge, der als Augenzeuge mit seiner Hand auf eine Haustür deutet. Seine Mimik ist eher müde und gelangweilt. Ausschließlich die Bildunterschrift gibt den LesernInnen Auskunft über das Ereignis:
Martin Sticher vor dem Nachbarhaus: „Drinnen ist alles voller Müll“

Das Objekt selbst, nämlich der Müll, ist nicht zu sehen und ist somit abwesend. Martin zeigt ins absolute „Nichts“. Nur wir LeserInnen können in unseren Köpfen ein Bild davon machen, wie es in diesem Haus aussieht.

Zeigerpointer stellen daher eine nachgestellte Situation dar, ohne das eigentliche Objekt überhaupt abzubilden. Durch diese Abwesenheit wirken die Bilder kurios und künstlich inszeniert.

 

Der Zeigerpointer, ein Zeuge der Abwesenheit

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Martin Sticher wurde ein solcher Zeuge und deutet auf eine Nachbartür hinter der sich angeblich sehr viel Müll verbergen soll. Letzteren sieht man allerdings gar nicht.

Doch im Prinzip kann man sich den, auf dem Bild abwesenden, Müll bildlich vorstellen, womit er gar nicht mehr wirklich abwesend ist. Zwar fehlt in dieser Berichterstattung das wichtigste Objekt, der Müll selbst, doch jeder Betrachter wird sich automatisch vorstellen, wie dieser überall verstreut rumliegt oder sich in Ecken türmt. Seine Abwesenheit auf dem Bild wird in unseren Köpfen vervollständigt.

So könnte man die Geschichte bis ins Übertriebene steigern und sich sämtliche Szenen ausmalen, wie es hinter der Tür aussehen könnte. Doch die eigentliche Schlagzeile wird nie so übermittelt werden können, wie es vorgefallen ist, dafür nimmt die Abwesenheit des Ereignisses einen zu großen Platz in diesem Bild ein.


 

Die Anwesenheit in der Abwesenheit

 

Bild 6 «Mathilde Weimann zeigt die Stelle, wo der Tresor stand und jetzt ein Loch klafft»
Bild 6 «Mathilde Weimann zeigt die Stelle, wo der Tresor stand und jetzt ein Loch klafft»

Abwesenheit wird im Allgemeinen als Zustand des Fehlens einer Sache oder Person bezeichnet. Im Zeigerpointer Bild 6 zeigt Mathilde Weimann auf die Stelle, an der ihr Tresor Stand und an dessen Stelle sich nun ein Loch befindet.

Der Tresor ist nun weg, zumindest in seiner physischen Form, doch für Frau Weimann war und ist er sicher noch zugegen. Sie weiß noch, wie er aussieht, wie er sich anfühlt und welche Geräusche er macht. Für sie ist er in gewisser Weiße noch da, zumindest in ihren Gedanken. Vermutlich denken auch Sie während des Lesens dieses Artikels über den Tresor nach, welche Größe er hatte und welche Farbe. Es ist nämlich unmöglich, über das Abwesende zu sprechen, da im selben Moment, da man über dieses etwas aussagt, es wieder präsent wird. Abwesenheit wird so zu etwas Relativem. Nichts ist komplett verschwunden.

Abwesenheit und Zeigerpointer – „Warum zeigt man ins Nichts?“

Zeigerpointer Ölgemälde

„Augenzeuge Mario M. zeigt die Stelle, wo sein Freund vom Alfa erfasst wurde“. Doch eigentlich zeigt Mario M. ins Nichts, da sein Freund und der Alfa abwesend sind. Das gesamte Geschehen ist vorbei. Die Verbindung zwischen Abwesenheit und dem Zeigerpointer besteht also darin, dass der Zeigerpointer auf die Abwesenheit weist. Die Abwesenheit ist auch die Ursache des Zeigerpointers. Es ist nichts mehr da, das man fotografieren und womit man das Geschriebene veranschaulichen kann. Der Zeigerpointer ist ein Versuch die Abwesenheit darzustellen beziehungsweise über sie hinwegzutäuschen. Denn durch das Zeigen ins Nichts wird der Betrachter angeregt sich das bereits abwesende Objekt oder Geschehen vorzustellen. Das Abwesende ist somit durch den Zeigerpointer nicht mehr vollkommen abwesend sondern existiert zumindest in der Vorstellung des Betrachters. Inwieweit sich das in Abwesenheit befindliche Objekt oder Geschehen mit der Vorstellung des Betrachters deckt hängt bis zu einem gewissen Grad vom Text ab, der, begleitend zum Zeigerpointer, das Geschehen visualisiert.

König Karl III.

Zeigegeste = Lenkung von Aufmerksamkeit und Verhalten durch Gebärden

Die Zeigegeste spielt im europäischen Kulturkreis eine nicht zu unterschätzende Rolle. Menschen zeigen. Ständig und überall. Hier, dort und da. Die Geste des Zeigens wird bereits als Kleinkind erlernt und angewandt.

Diese Geste ist auch in Gemälden aus dem 18. Jahrhundert zu erkennen und ein oft verwendetes Motiv, um den Blick der Betrachter_innen auf einen bestimmten Punkt zu lenken.

Vergleicht man die beiden Bilder (unten) miteinander, so lässt sich erkennen, dass beide Personen auf einen Punkt zeigen, der außerhalb des Bildes liegt und nicht zu sehen ist. Sie regen die Vorstellungskraft der Betrachter_innen an. Auch wirkt die Geste leicht erhaben, fast so als würde Karl III. auf sein Volk hinunterzeigen und der Ombudsmann auf etwas verweisen.

800px-Charles_III_of_Spain_high_resolution     Ombudsmann

König Karl III.                     Ombudsmann


Ich zeige, also bin ich. Zeuge.

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Der Zeigerpointer soll den Blick der Betrachter auf etwas lenken, das nicht mehr existiert. Da dieses »Nichts« demnach nicht zum Zweck einer Beweisführung für die Presse herangezogen werden kann, braucht es Zeugen, die für das Geschehene bürgen. Was sie als Zeugen deklariert, ist in erster Linie ihr Finger. Dieser übernimmt kurzzeitig eine mediale Funktion, indem er mit einem simplen Gestus Informationen vermittelt. Trotz aller Bemühungen, den Zeigegestus so beweiskräftig wie möglich zu inszenieren, steht meist der apathische Gesichtsausdruck der Zeuginnen und Zeugen im Fokus des Bildes. Die simple Tatsache, dass es ihre Aufgabe ist, den Blick auf etwas zu lenken, dieses »etwas« jedoch nichtexistent ist und sie dadurch selbst zum Mittelpunkt werden, führt zu einer Diskrepanz im Bild und stellt dessen Sinnhaftigkeit infrage.

Hier gibt es nichts zu sehen

Es war einmal ein Ereignis, ja es war, denn es ist bereits vorbei und eigentlich gibt es hier nichts zu sehen. Wäre da nicht ein Pressefotograf, ein Polizist, der auf die Stelle des längst vergessenen Geschehnisses zeigt und eine Zeitung die dieses Bild auch noch druckt. Und wäre da nicht eine Künstlergruppe namens monochrom, die es sich unter anderem zur Aufgabe gemacht hat ein Archiv genau solcher Bilder anzulegen. Um die mediale Transformation auf die Spitze zu treiben, wird der besagte Polizist kurzer Hand auch noch in Öl verewigt und zum Kunstobjekt gemacht. Was man noch alles möglich ist, könnt ihr von 16. April bis 29. Mai im Zuge der Ausstellung, Die wunderbare Welt der Abwesenheit in Lindabrunn begutachten. Wir freuen uns auf euch!Zeigerpointer_Nr.5 IMG_20160316_133132157 Kopie

Der Zeigerpointer in der Geschichte

Der Ombudsmann als Herrscher über Recht und Ordnung.

Im Rahmen eines EU-Projekts werden Gemälde von verschiedenen Zeigerpointern im Symposium Lindabrunn ausgestellt.

Betrachtet man dieses Bild in Zusammenhang mit der geschichtlichen Entwicklung der Zeigegeste, kann man mit ein bisschen Phantasie wohl eine Verknüpfung der Themen herstellen.

Der Ombudsmann als Vermittler zwischen verschiedenen Parteien in einem Land erinnert an einen Herrscher aus früherer Zeit der mit seiner Zeigegeste den Weg weist. Erhaben steht er vor der Bevölkerung um eine Debatte oder einen Streit unparteiisch in den Griff zu bekommen. Falls er zu keiner Lösung käme könnte er auch, wie einige Personen auf Gemälden aus früheren Jahrhunderten, nach oben zeigen um die Verantwortung symbolisch an die Mächte im Himmelsreich abzuwälzen.Foto

Made in China

FullSizeRender

Bei der Reproduktion spielt das Medium eine wichtige Rolle. Es macht einen Unterschied, ob ein Objekt als Zeitungsausschnitt, Fotografie oder Ölgemälde reproduziert wird.
Im Fall des Zeigerpointers wird durch Reproduktion des Zeitungsausschnitts auf anderes Medium, der Kontext verändert. So wird der Fokus verstärkt auf die dargestellte Person gelenkt und verbleibt nicht wie bei den Zeitungsausschnitten
auf dem Ort des Geschehens.
Das Ölgemälde, als klassische Kunstform, verkörpert Wertigkeit und Exklusivität
im Gegensatz zu der Kopie des Zeitungsausschnittes.
Reproduktion stellt in diesem Fall eine Dienstleistung dar, die hier in Österreich
in Auftrag gegeben und in China bearbeitet wurde.
Die Absurdität steckt sowohl im Zeigerpointer selbst sowie in der Reproduktion durch das Outsourcing ans andere Ende der Welt.